−100 mV sind in LACT in wenigen Sekunden eingestellt. Ob die Grafikkarte damit auch wirklich stabil läuft, verrät der Regler allerdings nicht. Genau dort beginnt beim Undervolting der interessante Teil.
Ein bestandener Benchmark ist noch kein Freifahrtschein. Unsere Radeon RX 9070 XT lief selbst mit −150 mV zunächst problemlos durch Cyberpunk 2077. Assassin’s Creed Shadows war anschließend anderer Meinung und beendete den Versuch mit einem Absturz. So viel zum Thema „läuft doch“.
Für diesen Guide gehen wir deshalb Schritt für Schritt vor. Auf unserer ASUS RX 9070 XT Prime unter CachyOS verändern wir ausschließlich den Spannungs-Offset, prüfen mehrere Lasten und suchen nach einem Wert, der nicht nur auf dem Papier gut aussieht. Anschließend vergleichen wir −100 mV mit dem Stock-Zustand und schauen auf Takt, Leistungsaufnahme, Temperaturen und Spieleleistung.
Die Gaming-Grundlage unter CachyOS haben wir bereits separat eingerichtet. Wie Steam, Proton, MangoHud und die übrigen Werkzeuge zusammenkommen, zeigen wir in unserem Guide CachyOS für Gaming einrichten: Steam, Proton, MangoHud & mehr.
KURZFAZIT
Das Wichtigste in Kürze
Bei unserer Radeon RX 9070 XT haben sich unter Linux −100 mV als stabiler Wert erwiesen. Der durchschnittliche GPU-Takt steigt, während Leistungsaufnahme und Hotspot etwas sinken. Die Spieleleistung bleibt mindestens erhalten. Dieser Wert gilt ausdrücklich nur für unser getestetes Exemplar.
1. Was ist LACT?
LACT ist für uns die zentrale Oberfläche, wenn wir eine AMD-Grafikkarte unter Linux beobachten oder an ihren Tuningparametern arbeiten wollen. Das Programm zeigt Temperaturen, Taktraten und Leistungsaufnahme an und stellt, abhängig von GPU und Treiber, auch Regler für Lüftersteuerung, Power Limit, GPU-Takt und Spannung bereit.

LACT erkennt unsere Radeon RX 9070 XT und zeigt die verfügbaren Geräte- und Tuningfunktionen
Beim Undervolting interessiert uns davon zunächst nur der Spannungs-Offset. Vereinfacht gesagt versuchen wir, die GPU mit weniger Spannung stabil zu betreiben, ohne dafür Leistung aufzugeben. Ob das gelingt, entscheidet allerdings nicht der eingetragene Wert, sondern erst die Last danach.
VRAM-Overclocking, klassisches GPU-Overclocking, eigene Lüfterkurven, Power Limit und Profilautomatisierung lassen wir hier bewusst außen vor. Sonst drehen wir an fünf Stellschrauben gleichzeitig und dürfen hinterher raten, welche davon eigentlich etwas bewirkt hat.
2. Testsystem und Methodik
Wir trennen zwei Dinge voneinander: die Suche nach einem stabilen Spannungs-Offset und den abschließenden Vergleich zwischen Stock und −100 mV. Für den finalen Datensatz verwenden wir Assassin’s Creed Shadows.
TESTSYSTEM
GPU
ASUS RX 9070 XT Prime
OS
CachyOS
METHODIK
- Benchmark: Assassin’s Creed Shadows
- Auflösung: 2560 × 1440
- Preset: Extrem hoch
- V-Sync: deaktiviert
- Framerate-Begrenzer: deaktiviert
- Benchmarkdauer: 109 Sekunden
- Stock: 3 gültige Runs
- −100 mV: 5 gültige FPS-Runs
- LACT-Messdaten: ausschließlich aus dem tatsächlichen 109-Sekunden-Hochlastfenster
Zusätzlich gab es bei −100 mV einen sichtbar gestörten Durchgang mit 58 FPS Durchschnitt, 44 FPS 1%-Low und 23 FPS 0,1%-Low. Massive Ausschläge zeigten deutlich, dass hier etwas nicht sauber lief. Wir dokumentieren den Durchgang deshalb, nehmen ihn aber nicht in den finalen FPS-Mittelwert auf. Der Lauf wurde wegen einer technischen Auffälligkeit ausgeschlossen, nicht weil sein Ergebnis schlecht aussah. Der finale Mittelwert basiert auf den fünf gültigen FPS-Runs.
3. LACT für GPU-Tuning vorbereiten
Direkt nach der Installation stehen noch nicht alle Tuningfunktionen zur Verfügung. LACT begrüßt uns zunächst mit dem Hinweis: „AMD Overclocking ist nicht aktiv!“

Ohne aktivierte AMD-Overdrive-Unterstützung stehen in LACT noch nicht alle Tuningfunktionen zur Verfügung
Über „AMD Overclocking aktivieren“ lässt sich die benötigte AMD-Overdrive-Unterstützung freischalten. LACT passt dafür die Konfiguration unter /etc/modprobe.d/99-amdgpu-overdrive.conf an und aktualisiert anschließend das Initramfs. Auf unserem CachyOS-System wurde dafür Mkinitcpio erkannt.
Hinweis: „AMD Overclocking aktivieren“ klingt dramatischer, als es ist. LACT übertaktet die Grafikkarte damit nicht automatisch. Der Schritt schaltet lediglich die benötigten Steuerungsmöglichkeiten frei.
Danach ist ein Neustart erforderlich. Erst anschließend stehen auf unserem System die Regler für Lüftersteuerung, Power Limit, GPU-Takt, Spannungs-Offset und VRAM-Takt zur Verfügung.

LACT kann die benötigte AMD-Overdrive-Unterstützung konfigurieren. Anschließend ist ein Neustart erforderlich
4. Vor dem Tuning: Stabilität geht vor
Achtung: Änderungen an Spannung, Takt oder Power Limit können Grafikfehler, Treiber-Resets, Programmabstürze oder vollständige Systemabstürze verursachen. Wichtige Daten sollten vorher gesichert sein. Werte anderer Systeme sollten nicht ungeprüft übernommen werden. Selbst zwei Grafikkarten desselben Modells können unterschiedliche Stabilitätsgrenzen besitzen.
Mehr negativer Offset sieht in einer Tabelle natürlich hübscher aus. Praktisch bringt uns der schönste Wert aber nichts, wenn die Karte beim nächsten Spiel die Grätsche macht. Entscheidend ist deshalb nicht, wie weit wir den Regler nach unten bekommen, sondern wo die GPU unter unterschiedlichen Lasten zuverlässig arbeitet.
5. Der „Übertakten“-Tab in LACT
Nach der Aktivierung zeigt der Reiter „Übertakten“ die verfügbaren Tuningparameter und die aktuellen Standardvorgaben unserer Grafikkarte. Auf unserem System stehen dort ein Power Limit von 317 W im Standardzustand und maximal 374 W, ein GPU-Takt-Offset von 0 MHz, ein Spannungs-Offset von 0 mV und ein VRAM-Takt von 2518 MHz.

Im Übertakten-Tab stehen mehrere GPU-Parameter zur Verfügung. Für diesen Guide verändern wir ausschließlich den Spannungs-Offset
Für unseren Versuch bleibt das Power Limit bei 317 W, der GPU-Takt-Offset bei 0 MHz und auch der VRAM-Takt unangetastet. Die einzige Variable ist der Spannungs-Offset. Weniger spektakulär, aber deutlich hilfreicher, wenn man hinterher noch wissen möchte, was eigentlich passiert ist.
Praxis-Tipp: Nur eine Variable verändern. Werden Spannung, GPU-Takt, VRAM und Power Limit gleichzeitig angepasst, lässt sich anschließend nicht mehr sauber beurteilen, welche Einstellung welchen Effekt verursacht hat.
6. Schrittweise undervolten
Wir tasten uns schrittweise vor. Neben Stock prüfen wir −50, −100, −125 und −150 mV. Nach jeder relevanten Änderung muss die Karte zeigen, ob der neue Wert nur gut aussieht oder auch tatsächlich Last verträgt.
Stock dient als Referenz. −50 mV funktionieren als Zwischenschritt, werden aber nicht im gleichen Umfang abschließend geprüft. −100 mV testen wir wiederholt und vergleichen diesen Wert anschließend direkt mit dem Ausgangszustand. −125 und −150 mV zeigen uns dagegen recht zuverlässig, wo unsere Karte endgültig genug hat.

Bei unserem Exemplar erwiesen sich −100 mV als stabiler Sweetspot. GPU-Takt, Power Limit und VRAM-Einstellungen blieben unverändert
7. Stabilitätsgrenzen unserer RX 9070 XT
MAEXOTRON BENCHMARK
Stabilität der getesteten Spannungs-Offsets
SPANNUNGS-OFFSET
CYBERPUNK 2077
ASSASSIN’S CREED SHADOWS
ERGEBNIS
Stock
stabil
stabil
Referenz
−50 mV
Benchmark bestanden
nicht final geprüft
Zwischenschritt
−100 mV
stabil
stabil, wiederholt getestet
Sweetspot
−125 mV
nicht relevant
Absturz
instabil
−150 mV
Benchmark bestanden
Absturz
instabil
Einordnung: −50 mV waren ein funktionierender Zwischenschritt, wurden aber nicht im gleichen Umfang wie −100 mV auf Stabilität geprüft.
8. Benchmark bestanden? Noch lange nicht stabil
Cyberpunk 2077 lief mit −150 mV zunächst sauber durch. Keine Auffälligkeiten, kein Absturz. Sah gut aus.
Dann kam Assassin’s Creed Shadows.
Hoppala. Absturz.

−150 mV bestanden zunächst den Cyberpunk-2077-Benchmark, erwiesen sich später in Assassin’s Creed Shadows aber als instabil
Damit war auch klar: Ein bestandener Benchmark macht noch keinen stabilen Wert. Unterschiedliche Spiele belasten die GPU unterschiedlich. Was hier funktioniert, kann dort schon auseinanderfallen.
Genau deshalb testen wir einen Wert nicht nur dort, wo er gerade funktioniert. Erst mehrere unterschiedliche Lasten zeigen, ob daraus wirklich eine alltagstaugliche Einstellung wird.
KEY FINDING
Ein bestandener Benchmark reicht nicht.
Für einen belastbaren Stabilitätsnachweis prüfen wir mehrere reale Lasten. Erst dabei zeigt sich, ob ein Offset über den einzelnen erfolgreichen Durchgang hinaus zuverlässig nutzbar ist.
9. LACT-Monitoring richtig auswerten
LACT liefert nicht nur Regler, sondern zeichnet auch die Daten auf, die wir später für die Einordnung brauchen. Auf unserem System gehören dazu unter anderem Edge-Temperatur, Junction beziehungsweise Hotspot, VRAM-Temperatur, GPU-Takt, GPU Target, VRAM-Takt, Lüfter, Leistungsaufnahme und Power Cap. Ein CSV-Export ist ebenfalls möglich.
Der Haken: LACT zeichnet kontinuierlich weiter. Ein Mittelwert über die komplette Historie würde also auch Idle, Menüs sowie Lastzustände vor und nach dem eigentlichen Benchmark enthalten. Mathematisch korrekt, für unseren Vergleich aber ziemlich nutzlos.
Deshalb werten wir nur das Zeitfenster aus, in dem die GPU während des Benchmarks tatsächlich unter hoher Last arbeitet.
METHODIK
- Benchmarkdauer: 109 Sekunden
- Startpunkt: deutliches Hochtakten der GPU und Beginn dauerhaft hoher Last
- Auswertung: exakt das 109-Sekunden-Hochlastfenster
- Nicht enthalten: Idle, Menüs, vorherige oder nachfolgende Last
MAEXOTRON MESSWERT
109 Sekunden
Für die LACT-Auswertung verwenden wir ausschließlich das tatsächliche Hochlastfenster des Benchmarks, nicht die komplette aufgezeichnete Historie.
10. Stock gegen −100 mV: der finale Datensatz
Nachdem −100 mV die vorgesehenen Stabilitätstests überstanden haben, wird es interessant: Was verändert sich gegenüber Stock tatsächlich und was sieht nur auf dem Papier nach einem Unterschied aus?

Assassin’s Creed Shadows im Stock-Zustand dient als Referenz für den finalen Vergleich

Mit −100 mV blieb die Radeon RX 9070 XT stabil und erreichte praktisch unveränderte Spieleleistung
MAEXOTRON BENCHMARK
Radeon RX 9070 XT: Stock vs. −100 mV
MESSWERT
STOCK
−100 mV
DIFFERENZ
Ø FPS
53,67
54,80
+2,1 %
1% Low
45,00
45,80
+1,8 %
0,1% Low
40,33
40,40
praktisch unverändert
GPU-Takt
3157 MHz
3291 MHz
+134 MHz / +4,2 %
Leistungsaufnahme
305,4 W
299,0 W
−6,4 W / −2,1 %
GPU-Spannung
1093 mV
1067 mV
−26 mV / −2,4 %
GPU Edge
53,2 °C
52,8 °C
−0,4 °C
GPU Hotspot
92,2 °C
89,9 °C
−2,3 °C
VRAM
79,7 °C
79,4 °C
−0,3 °C
Einordnung: Besonders relevant sind der höhere durchschnittliche GPU-Takt, die etwas niedrigere Leistungsaufnahme und der um 2,3 °C niedrigere Hotspot.
11. Was bringen −100 mV tatsächlich?
Die Leistungsaufnahme sinkt von 305,4 auf 299,0 W. Das sind 6,4 W beziehungsweise 2,1 %. Messbar, aber sicher kein Effizienzwunder.
Interessanter ist der Takt. Der steigt im gleichen Lastfenster von 3157 auf 3291 MHz, also um 134 MHz beziehungsweise 4,2 %. Gleichzeitig fällt der Hotspot von 92,2 auf 89,9 °C.
Unsere RX 9070 XT arbeitet mit −100 mV also etwas schneller, etwas sparsamer und etwas kühler. Das ist für uns der eigentliche Gewinn.
Bei den FPS muss man dagegen kein Konfetti werfen. 53,67 gegen 54,80 FPS sehen zwar nach einem kleinen Plus aus und auch das 1%-Low steigt leicht. Beim 0,1%-Low stehen sich mit 40,33 und 40,40 FPS aber praktisch identische Werte gegenüber. Einen pauschalen Performancegewinn durch Undervolting leiten wir daraus nicht ab. Die Spieleleistung bleibt erhalten.
KEY FINDING
Mehr Takt, etwas weniger Watt und ein kühlerer Hotspot.
−100 mV verbinden bei unserem Exemplar einen höheren durchschnittlichen GPU-Takt mit etwas weniger Leistungsaufnahme und einem niedrigeren Hotspot. Die Spieleleistung verschlechtert sich dabei nicht.
12. Wenn Undervolting plötzlich bei chkdsk endet
Bei den aggressiveren Offsets blieb es nicht bei abgestürzten Spielen. Mehrere Versuche nahmen gleich das ganze System mit.
Danach wollte CachyOS eine gemeinsam mit Windows genutzte NTFS-Datenpartition plötzlich nicht mehr mounten. Im Kernel stand nur noch:
volume is dirty
Perfekt. Wir wollten eigentlich nur undervolten und waren plötzlich bei Dateisystempflege.
Windows konnte die Partition weiterhin lesen. Ein chkdsk X: /f korrigierte den NTFS-Status, danach ließ sich das Laufwerk auch unter CachyOS wieder normal einbinden.
Hinweis: Das war kein nachgewiesener LACT-Fehler. Das Problem trat nach den harten Systemabstürzen auf und hing mit dem gesetzten Dirty Flag des NTFS-Dateisystems zusammen.
Spätestens wenn aus Undervolting plötzlich chkdsk wird, war der letzte Schritt nach unten vermutlich einer zu viel.
FAZIT
Der Regler ist einfach. Stabilität nicht.
LACT macht den einfachen Teil des Undervoltings tatsächlich einfach. Einen Spannungs-Offset einzutragen, dauert nur wenige Sekunden. Herauszufinden, welcher Wert auch unter mehreren unterschiedlichen Lasten stabil bleibt, kostet deutlich mehr Zeit.
Bei unserer ASUS RX 9070 XT Prime hat sich −100 mV als sinnvollster Wert erwiesen. Im Stock-Zustand erreicht die Karte durchschnittlich 3157 MHz bei 305,4 W und 92,2 °C Hotspot. Mit −100 mV sind es im gleichen Lastfenster 3291 MHz, 299,0 W und 89,9 °C.
Der eigentliche Gewinn liegt nicht in ein paar zusätzlichen FPS. Interessanter ist, dass die GPU höher taktet, gleichzeitig etwas weniger Leistung aufnimmt und der Hotspot sinkt. Für eine einzige geänderte Einstellung kann man damit ziemlich gut leben.
Weiter nach unten wurde es weniger charmant. −125 mV waren instabil. −150 mV liefen zwar noch durch Cyberpunk 2077, scheiterten anschließend aber in Assassin’s Creed Shadows. Benchmark bestanden ist eben nicht automatisch stabil.
−100 mV sind deshalb nicht „der richtige Wert für eine RX 9070 XT“, sondern der Sweetspot unseres getesteten Exemplars. Eine andere Karte kann früher aussteigen oder noch mehr mitmachen. Werte aus dem Internet blind zu übernehmen ist keine Methode. Testen gehört dazu.



